Freunde der Stadtbibliothek Halle e.V.
     
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Mitteldeutsche Zeitung, 10.10.2013

Stadtbibliothek ohne Zeitschrift?
Bücherei wäre die erste in Deutschland. Abonnements wurden schon gekündigt.

HALLE/MZ - Halle könnte die erste Großstadt in Deutschland sein, in deren Bibliotheken keine Zeitungen mehr gelesen und vor allem keine Zeitschriften ausgeliehen werden können. Denn im Haushaltsentwurf für 2014, der vom Stadtrat erst noch beraten und beschlossen werden muss, ist die Streichung des gesamten Zeitschriften-Etats der Bibliothek vorgesehen. Und nicht nur das: "Wir mussten die Abonnements der Tageszeitungen und Zeitschriften wegen der Fristen bereits vorsorglich kündigen", sagte gestern Halles Kulturdezernentin Judith Marquardt.

Insgesamt 395 Abos

"Laut Statistik des Deutschen Bibliotheksverbandes wäre Halle damit die einzige kommunale Großstadtbibliothek, die keine Zeitungen und Zeitschriften hat. Dieses negative Alleinstellungsmerkmal kann doch nicht ernsthaft gewollt sein", sagt Wolfgang Kupke, der Vorsitzende des Freundeskreises der Stadtbibliothek Halles. Im Haushaltsentwurf für 2014 steht, auf Seite 724: "Reduzierung der Kosten durch die Kündigung aller Zeitschriftenabonnements ab Januar 2014." Durch die Kündigung sollen laut Verwaltungsvorlage immerhin 30 630 Euro eingespart werden. Grund für diesen Schritt seien gestiegene Betriebskosten der Bibliotheken, die auch 2014 bezahlt werden müssten. "Ab Januar stehen deutlich weniger Mittel für die Bezahlung der Abos zur Verfügung", erläutert der stellvertretende Stadtsprecher Markus Folgner.

Und Alternativen? "Wir wollen den Bereich über Patenschaften oder Drittmittel finanzieren", sagte gestern Dezernentin Marquard im Kulturausschuss. "Gebührenerhöhungen sind keine Alternative zum Weiterführen von Abonnements", ergänzte Markus Folgner.

Im Kulturausschuss herrschte große Einigkeit, dass diese Kürzung vom Stadtrat abgelehnt werden müssen. "Das werden wir in keinem Fall mittragen", sagte etwa Stadtrat Dieter Wöllenweber (FDP).

Auch Bibliotheks-Freundeskreis-Chef Kupke ist entsetzt. "Nun geht es also an die Substanz. Die Medien sind aber wirklich das allerletzte, was in einer Stadtbibliothek gekürzt oder sogar gestrichen werden darf, sie sind ja der eigentliche Zweck einer Bibliothek". 395 Abos für Zeitungen und Zeitschriften verschiedener Sachgebiete hat die gesamte Stadtbibliothek - mit Zentralbibliothek, Musikbibliothek, den Stadtteilbibliotheken Süd, Nord, West und der Fahrbibliothek. Im vergangenen Jahr wurden genau 70 519 mal Zeitungen und Zeitschriften ausgeliehen.

Acht Tageszeitungen

Derzeit sind acht Zeitungen abonniert. Dazu gehören Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung , die Leipziger Volkszeitung, Magdeburger Volksstimme - auch die Mitteldeutsche Zeitung samt den "Galaxo"-Kindernachrichten. Die Tageszeitungen können am Erscheinungstag aktuell in der Bibliothek gelesen werden. Wie viele Hallenser dieses Angebot nutzen, wird jedoch nicht registriert. "Es gibt aber viele Besucher, die regelmäßig zum Lesen von Zeitungen und Zeitschriften in die Bibliotheken kommen", so Markus Folgner.

Bei den rund 200 Zeitschriften reicht das Angebot neben Spiegel, Focus, "Stiftung Warentest" von "Abenteuer und Reisen" über "Deutsch perfekt", "Guter Rat", "Mosaik", "Öko-Test" bis "Zuhause Wohnen".


KOMMENTAR

MICHAEL FALGOWSKI hält die geplante Kündigung aller Abos für Zeitungen und Zeitschriften für falsch.

Nicht am Angebot sparen
Sämtliche 395 Abonnements von Zeitungen und Zeitschriften sollen aus dem Katalog der Stadtbibliothek gestrichen werden. Das wäre einzigartig in einer deutschen Großstadt-Bibliothek. Sicher kann man überlegen, ob tatsächlich rund 200 Zeitschriften angeboten werden müssen. Darunter Titel wie "Hausbau" oder die "Freizeitrevue". Im Grunde geht es aber um etwas anderes: um Teilhabe. Eine Stadtbibliothek wird ja gerade auch von jenen genutzt, die sich den Kauf von Büchern oder teuren Zeitschriften oft nicht leisten können. Der freie Medienzugang aber ist wichtig für die Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs.

Sicher muss die klamme Stadt sparen, aber doch nicht derart radikal am Bildungsangebot. Bevor dies passiert, sollte man lieber eine Zweigstelle schließen. Oder endlich auch an die Heilige Kuh einer Gebührenerhöhung herangehen: Derzeit beträgt die Nutzungsgebühr für die Stadtbibliothek Halle gerade einmal 1,25 Euro im Monat, ermäßigt 62 Cent!